EVTZ Alpine Pearls mbH
Klimawandelanpassung in den Alpen - Beispiele, Strategien, Perspektiven
Sarah Twardella

Klimawandelanpassung in den Alpen - Beispiele, Strategien, Perspektiven

In den Alpen sind Folgen des Klimawandels deutlich spürbar. Seit mehr als 25 Jahren liegt mit der Alpenkonvention ein verpflichtendes Rahmenabkommen aller Alpenstaaten für eine nachhaltige Entwicklung vor. Welche Initiativen daraus in der Praxis aussehen, wie ein Nationalpark sich mit Klimawandelanpassung beschäftigt und was man auf EU-Ebene in diesem Zusammenhang projektmäßig unternimmt, war Thema einer Gesprächsrunde im Rahmen des Journalismusfest in Innsbruck.

Im Innenhof des „Haus der Begegnung“ in Innsbruck in frühsommerlicher Atmosphäre kamen etwa 70 Interessierte und die vier Gesprächspartner:innen begleitet durch den Moderator zusammen. Sarah Twardella von Alpine Pearls nahm Teil und stellte das Projekt BeyondSnow vor.

Temperaturanstieg, Wetterextreme und Naturgefahren im Gebirge

Felix Gertheinrich vom Ständiges Sekretariat der Alpenkonvention fasste zum Einstieg die aktuelle Situation in den Alpen zusammen und stellte die zentrale Strategie für die Alpen im Zusammenhang mit dem Thema Klimawandel vor. Ziel ist es die Alpen bis 2050 klimaneutral und widerstandsfähig gegenüber Klimafolgen zu machen. Dies geschieht mit Initiativen, Gremien und Analysen sowie unterstützenden Leitlinien und politischer Arbeit.

Wichtige Initiativen sind:

1. Innsbrucker Deklaration 2019

Politische Verpflichtung zu „klimaneutralen und klimaresilienten Alpen 2050“ und Grundlage für die weitere Klimapolitik der Alpenkonvention.

2. Alpines Klimazielsystem 2050

Definiert konkrete Ziele für Sektoren wie Verkehr, Energie, Tourismus, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Wälder und dient als langfristige Strategie für den gesamten Alpenraum.

3. Climate Action Plan 2.0

Enthält konkrete Umsetzungsmaßnahmen für die nächsten Jahre. Schwerpunktbereiche sind Verkehr, Energie, Tourismus, Naturgefahren, Wasser, Raumplanung, Böden, Berglandwirtschaft, Bergwälder sowie Biodiversität. Ziel ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit aller Alpenstaaten.

4. Alpiner Klimabeirat (Alpine Climate Board)

Seit 2016 das zentrale Klimagremium der Alpenkonvention und koordiniert die Umsetzung der Klimaziele und entwickelt neue Maßnahmen. Aktuelle Schwerpunkte (2025–2026) sind naturbasierte Lösungen, Waldschutz und Klimaanpassung.

Aktuelle Daten zeigen, dass die Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen bereits besonders stark sichtbar sind und rasches Handeln erforderlich bleibt.

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH

Projekt BeyondSnow

Sarah Twardella von Alpine Pearls stellte den EVTZ vor und gab Einblicke in das Projekt Beyond Snow. Das transnationale Projekt wurde über das Interreg Alpine Space Förderprogramm kofinanziert und zwischen 2022 bis 2025 umgesetzt. Thema war eine der größten Herausforderungen für die alpine Tourismusregionen: der Rückgang der Schneesicherheit durch den Klimawandel.

Im Fokus standen kleine und mittlere Wintersportdestinationen in mittleren Höhenlagen, deren wirtschaftliche Entwicklung stark vom Schnee abhängig ist. Ziel des Projekts ist es, die Klimaresilienz dieser Regionen zu erhöhen und Wege aufzuzeigen, wie sie langfristig attraktiv für Bewohner:innen und Gäste bleiben können. Dazu wurden gemeinsam mit lokalen Akteur:innen Anpassungsstrategien entwickelt, Pilotmaßnahmen getestet und ein digitales Entscheidungsinstrument für die regionale Planung erarbeitet.

Zentrale Projektbestandteile, Ergebnisse und Aktivitäten sind:

  • Analysen der Auswirkungen von Klimawandel und Schneemangel auf Tourismusregionen sowie Befragungen und Einordnungen  
  • Entwicklung des sogenannten Resilience Adaptation Model und eines digitalen Entscheidungstools zur Bewertung von Anpassungsoptionen für Gemeinden und Destinationen
  • Beteiligungsprozesse mit Bevölkerung, Tourismuswirtschaft und Politik zur Erarbeitung von Strategien, Projektideen und Pilotmaßnahmen
  • Erprobung konkreter Anpassungsmaßnahmen in Pilotregionen
  • Entwicklung von Leitlinien für andere Alpenregionen und Gremien

Alpine Pearls war einer von 13 Projektpartnern aus 6 Alpenländern in diesem Projekt. Die Mitgliedsgemeinde Werfenweng nahm als Pilotregion teil, sowie war Bohinj über einen anderen Projektpartner ebenfalls beteiligt. Neben zahlreichen beobachtenden Organisationen – unter anderen auch das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention und der Österreichische Alpenverein – wurde mit zehn Gemeinden kooperiert – sogenannte Pilot Working Areas:

  • Piani d’Erna
  • Monesi di Triora
  • Ala di Stura & Balme
  • Pradibosco
  • Werfenweng
  • Bohinj
  • Großer Arber
  • Métabief
  • Sattel-Hochstuckli
  • Balderschwang

In diesen Regionen wurden Vulnerabilitätsanalysen durchgeführt (Wie stark ist die Region vom Schneemangel betroffen?), Co-Design-Labore und Workshops sowie Veranstaltungen und Vorträge organisiert, bei denen Gemeinden, Tourismusbetriebe und Bürger:innen gemeinsam Zukunftsbilder und Maßnahmen entwickelten und das Projekt und dessen Themen bearbeitet aber auch einfach niedrigschwellig nähergebracht wurde. Es wurden 10 Transitionsstrategien erstellt, die konkrete Anpassungspfade für jede Region beschreiben und von Visionen, über Handlungsfeldern auch sehr konkrete Projektideen beinhalten. Ausgewählte Maßnahmen wurden bereits getestet, um deren Umsetzbarkeit zu prüfen.

Ein wichtiger Aspekt war dabei die Beteiligung lokaler Akteur:innen. Anpassungsstrategien sollten nicht „von außen“ vorgegeben werden, sondern gemeinsam mit den betroffenen Regionen entstehen. Hier gab es durchaus Herausforderungen in der Umsetzung, die angesprochen wurden. Skepsis und Schwierigkeiten genügend Teilnehmende zu finden gab es in mehreren Pilotregionen zu Beginn des Projekts, es zeigte sich aber im Laufe der Zeit, dass durch Aufklärung und motivierendes Engagement richtig tolle Zusammenarbeit entstand und zahlreiche Vorschläge erarbeitet wurden und auch neue Kooperationen entstanden.

Im Fall von Werfenweng, der Pilotregion von Alpine Pearls, wurden 8 Handlungsfelder erarbeitet und in der ersten Pilotphase das Thema Wassererlebnis in den Fokus genommen und zwei neue Wanderführungen ins Leben gerufen, die zum einen das Ganzjahresangebot erweitern und zum anderen Bewusstsein und partizipative Auseinandersetzung mit Wasser als Ressource, dem Klimawandel und dem Wasser als Erlebniselement bietet. Weitere Informationen > https://www.werfenweng.eu/beyondsnow/

BeyondSnow verfolgt keinen Ansatz, der allein auf technische Lösungen wie Beschneiung setzt. Stattdessen wird der Klimawandel als Anlass gesehen, alpine Destinationen grundlegend resilienter und vielfältiger zu gestalten. Die am weitesten verbreiteten Anpassungsstrategien sind:

  • Ganzjahrestourismus
  • Diversifizierung der Freizeit- und Tourismusangebote
  • Nachhaltige Entwicklung und Mobilität
  • Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe
  • Partizipative Planung mit lokalen Akteur:innen

Damit versteht sich BeyondSnow weniger als reines Tourismusprojekt, sondern als ein Transformationsprojekt für alpine Regionen, die sich auf eine Zukunft mit weniger Schnee einstellen müssen.

Weitere Informationen > https://www.alpine-space.eu/project/beyondsnow/

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH

Ansatz der Nationalparke: So wenig wie möglich in die Natur eingreifen, Besucher:innen aufklären

Herbert Wölger, Geschäftsführer des Nationalparks Gesäuse, stellte ihren Umgang mit dem Klimawandel und Anpassungen vor.

Im Gegensatz zu dem Ansatz im Projekt BeyondSnow, das vor allem die Anpassung von Tourismusregionen und lokalen Wirtschaftssystemen behandelt, konzentriert sich der Nationalpark Gesäuse primär auf die Anpassung und Resilienz natürlicher Ökosysteme. Beide verfolgen jedoch das gemeinsame Ziel, die Region langfristig widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel zu machen.

Die Anpassungsstrategie lässt sich in vier zentrale Bereiche zusammenfassen:

1. Klimafitte Waldentwicklung

Ein Schwerpunkt liegt auf der Anpassung der Wälder an zukünftige Klimabedingungen. Forschungsergebnisse zeigen, dass die heute dominierenden Fichtenbestände durch steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster unter Druck geraten. Der Nationalpark fördert daher gezielt die Entwicklung vielfältigerer und widerstandsfähigerer Mischwälder mit Baumarten wie Buche, Tanne und teilweise Eiche. Dabei werden natürliche Walddynamiken mit gezielten Managementmaßnahmen kombiniert.

2. Forschung und langfristiges Monitoring

Der Nationalpark betreibt umfangreiche Forschung zu Klima, Hydrologie, Böden, Artenvielfalt und Lebensräumen. Durch langfristige Beobachtungen werden Veränderungen früh erkannt und Grundlagen für Anpassungsmaßnahmen geschaffen. Das Monitoring dient sowohl dem Verständnis der Klimafolgen als auch der Entwicklung geeigneter Schutzstrategien.

3. Erhalt und Förderung resilienter Ökosysteme

Die Grundidee lautet, dass naturnahe und artenreiche Ökosysteme besser auf Klimaveränderungen reagieren können. Deshalb wird der Schutz der natürlichen Dynamik von Wäldern, Flüssen und alpinen Lebensräumen priorisiert. Der weitgehend unregulierte Verlauf der Enns sowie große Wildnisflächen ermöglichen Arten und Lebensräumen, sich an veränderte Bedingungen anzupassen.

4. Besucherlenkung und nachhaltige Nutzung

Mit zunehmendem Nutzungsdruck durch Tourismus setzt der Nationalpark auf Besucherlenkung und bietet ein Umweltbildungsprogramm an, um die Kenntnisse und das Bewusstsein zu erhöhen und empfindliche Arten und Lebensräume zu schützen. Managementpläne berücksichtigen dabei sowohl Naturschutzanforderungen als auch zukünftige Herausforderungen durch den Klimawandel

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH

Die Initiative der „Bergsteigerdörfer“ des Österreichischen Alpenverein

Liliana Dagostin, Leiterin der Abteilung Raumplanung und Naturschutz im Österreichischen Alpenverein, stellte das Projekt Bergsteigerdörfer vor. Im Kontext von Klimawandelanpassung und nachhaltiger Regionalentwicklung stellen die Bergsteigerdörfer ein interessantes Gegenmodell zu klassischen, stark touristisch geprägten Alpenregionen dar. Die Initiative wurde 2008 ins Leben gerufen und gilt als offizielles Umsetzungsprojekt der Alpenkonvention. Ziel ist es, jene Gemeinden zu fördern, die sich einem naturverträglichen, qualitätsorientierten Alpentourismus verschrieben haben.

Im Gegensatz zu großen Tourismusdestinationen, deren Entwicklung häufig auf hohe Gästezahlen, umfangreiche Infrastruktur und eine starke wirtschaftliche Ausrichtung auf den Tourismus abzielt, setzen Bergsteigerdörfer auf einen deutlich kleinräumigeren Ansatz. Im Mittelpunkt stehen die alpine Landschaft, die regionale Kultur sowie naturnahe Freizeitaktivitäten wie Wandern, Bergsteigen oder Skitourengehen. Wachstum um jeden Preis ist nicht das Ziel. Vielmehr soll Tourismus in einem Ausmaß stattfinden, das die natürlichen Ressourcen schont und die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung erhält.

Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels wird dieses Modell häufig als Beispiel für eine resilientere Form der Tourismusentwicklung betrachtet. Da die Bergsteigerdörfer nicht primär von schneeabhängigen Infrastrukturen wie großen Skigebieten leben, sind sie weniger anfällig für die Folgen abnehmender Schneesicherheit. Gleichzeitig fördern sie Formen des Ganzjahrestourismus, die auf Landschaftserlebnis, Naturbeobachtung und regionaler Wertschöpfung basieren.

Allerdings zeigt die Initiative auch, dass nachhaltiger Tourismus nicht überall gleichermaßen umsetzbar ist. Nicht jede Destination kann oder möchte ein Bergsteigerdorf werden. Die Aufnahme in das Netzwerk ist an klare Kriterien gebunden. Zu den wichtigsten Voraussetzungen zählen:

  • eine ausgeprägte alpine Landschaft mit hoher Natur- und Landschaftsqualität,
  • eine starke Verankerung von Bergsport und alpiner Kultur,
  • das Fehlen großdimensionierter touristischer Erschließungen,
  • ein Bekenntnis zu nachhaltiger Regionalentwicklung,
  • eine überschaubare touristische Infrastruktur,
  • die Bereitschaft der Gemeinde, die Ziele der Alpenkonvention aktiv zu unterstützen.

Ähnliche Grundprinzipien verfolgt auch das Netzwerk der Alpine Pearls, das sich insbesondere auf sanfte Mobilität und klimafreundliches Reisen konzentriert. Auch hier können nur Gemeinden teilnehmen, die bestimmte Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Dies verdeutlicht, dass solche Modelle zwar wichtige Orientierungspunkte für die Transformation alpiner Regionen darstellen, aber nicht als universelle Lösung für alle Tourismusdestinationen geeignet sind.

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH

Kooperationen und Partnerschaften

Alle Gesprächspartner:innen waren sich einig: Kooperationen und Partnerschaften spielen eine zentrale Rolle bei der Klimawandelanpassung, da die Herausforderungen des Klimawandels meist sektor- und gemeindeübergreifend wirken. Anpassungsmaßnahmen betreffen häufig gleichzeitig Tourismus, Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, Infrastruktur sowie die lokale Bevölkerung. Einzelne Akteure können diese komplexen Aufgaben daher nur begrenzt alleine bewältigen.

Durch die Zusammenarbeit von Gemeinden, Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Interessensvertretungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen können Wissen, Ressourcen und Erfahrungen gebündelt werden. Partnerschaften erleichtern den Austausch bewährter Praktiken, fördern gemeinsame Lernprozesse und erhöhen die Akzeptanz von Anpassungsmaßnahmen in der Bevölkerung. Gleichzeitig ermöglichen sie eine bessere Abstimmung von Maßnahmen über administrative und sektorale Grenzen hinweg.

Gerade in alpinen Regionen zeigen Initiativen wie BeyondSnow, die Bergsteigerdörfer oder Alpine Pearls, dass langfristige Anpassungsstrategien besonders erfolgreich sind, wenn sie auf einer breiten Beteiligung lokaler und regionaler Akteure beruhen. Kooperationen stärken damit nicht nur die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen, sondern auch die Resilienz ganzer Regionen gegenüber den Folgen des Klimawandels.

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH

Wie sieht der Tourismus in den Alpen in der Zukunft aus?

Abschließend bat der Moderator die Gesprächspartner:innen darum, die Zukunft des alpinen Tourismus in einem Satz zusammenzufassen. Nicht so einfach. Wünsche nach mehr Nachhaltigkeit, nach mehr Demut gegenüber der Natur und das Ernstnehmen des Klimawandels für die nachfolgenden Generationen und wurden genannt. Die Grundidee der Alpenkonvention fasst zusammen: Ein nachhaltiger Tourismus im Sinne der Alpenkonvention ist ein umweltverträglicher Tourismus, der die Bedürfnisse von Gästen und lokaler Bevölkerung berücksichtigt, die ökologischen Belastungsgrenzen des Alpenraums respektiert und zu dessen langfristiger nachhaltiger Entwicklung beiträgt.

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH

Fazit

Vielen Dank für die Einladung an die Organisatoren des Journalismusfest und das Haus der Begegnung. Es war ein spannendes und nettes Gespräch, das sicher noch viel länger hätte gehen können und nach 1,5 Stunden erst in Schwung gekommen ist. Danke für die Moderation durch Simon Welebil und alle Teilnehmenden.

Weitere Informationen > https://www.journalismusfest.org/klimawandel-alpen/

Weiterlesen
EVTZ Alpine Pearls mbH
Sommer
Winter
Klimawandelanpassung in den Alpen - Beispiele, Strategien, Perspektiven
Klimawandelanpassung in den Alpen - Beispiele, Strategien, Perspektiven
Klimawandelanpassung in den Alpen - Beispiele, Strategien, Perspektiven
Klimawandelanpassung in den Alpen - Beispiele, Strategien, Perspektiven